Julius Baumann – 04.06.2021

Als die Welt Ende 2019 Anfang 2020 von SARS COV 2 heimgesucht wurde, war sie verständlicherweise sehr aufgewühlt und ratlos. Wird es gelingen einen Impfstoff zu entwickeln? Werden wir für den Rest unseres Lebens auf soziale Kontakte verzichten? Wie radikal werden unsere bisherigen Prinzipien aus der Bahn geworfen werden? Wie gehen wir mit Gruppen um, die geschützt werden müssten? Den sogenannten „Risikogruppen.“

Der Begriff „Risikogruppen“ ist etwas irreführend, denn nach Definition bestimmt der Begriff einen „Personenkreis, der besonders gefährdet ist, z.B. eine bestimmte Krankheit zu bekommen, an einer Infektion oder Operation zu sterben, einen Unfall zu erleiden“ (DWDS) Warum ist dieser Begriff irreführend? Er bezieht sich doch auf Personen, die dem Risiko ausgesetzt sind, schwer zu erkranken und möglicherweise daran zu versterben. Medizinisch gesehen ist der Begriff völlig einwandfrei, doch das Problem ist, dass er nur einen bestimmten Bereich im Fokus hat, und zwar den medizinischen. Es gibt aber mehr Bereiche, in denen eine Risikoabwägung nicht stattfindet, da der Begriff zu sehr auf die Medizin fokussiert ist. Der Bildungsbereich ist ein solcher Bereich. Laut dem ifo Institut hatten Schüler aufgrund von Schulschließungen massive Probleme. In der Studie, die im September 2020 erschienen ist und aus zwei Teilen besteht, wird sowohl über eine Umfrage von 1000 Eltern zu Schulschließungen als auch die Meinung zur deutschen Bildungspolitik eingeholt (vgl. Wößmann, et al., 2020 S. 36). Wößmann et al. haben ihre Daten mithilfe einer Befragung des Bildungsbarometer gewonnen. Bei dieser wurden im Juni 2020 insgesamt mehr als 10.000 Personen zwischen 18 und 69 Jahren befragt .In dieser Altersgruppe wurde neben nicht berücksichtigten zahlreichen weiteren Fragen zur allgemeinen Bildungspolitik auch spezifische Fragen gestellt, die eine Einschätzung der Deutschen zum Thema Bildungspolitik während Corona erforderten. Des Weiteren wurde aus der Gesamtstichprobe einer Eltern Stichprobe von mehr als 1000 Eltern zusätzlich Fragen zu ihrem jüngsten Kind gestellt. Dabei ging es darum, welche Aktivitäten die Schüler*innen während den Schulschließungen nachgegangen sind und wie diese von den Eltern bewertet werden, bzw. wie die Eltern die Schulschließungen allgemein bewerten (vgl. ebd. S. 36).

Methodik der Befragung

Die Befragung wurde zwischen dem 03.06 und dem 01.07. 2020 vom Befragungsunternehmen Respondi durchgeführt. Es wurden insgesamt 10.338 vollständige Datensätze in die Stichprobe aufgenommen. Die Befragung erfolgte mit Hilfe eines Online-Access Panels, da eine ausführliche Analyse der Befragungsmodi zu einem früheren Zeitpunkt gezeigt hat, dass dies die wirksamste Methode ist. Die Stichprobe wurde aus den Daten von insgesamt mehr als 10.000 befragten Personen gezogen. Gleichzeitig wurde aus der Gesamtstichprobe separat eine Eltern Stichprobe von 1000 Personen ermittelt. Dieser Gruppe wurde zusätzlich ein paar Fragen zu ihrem jüngsten Schulkind gestellt. Bei diesen Fragen ging es um die Aktivitäten, die die Schüler im ersten Lockdown nachgegangen sind. Um die Repräsentativität der Befragungsergebnisse sicherzustellen, wurden die Beobachtungen anhand der amtlichen Statistik nach Alter, Geschlecht, Bundesland, Schulabschluss, Gemeindegrößenklassen und Erwerbsstatus gewichtet. Bei der Auswertung der bildungspolitischen Meinungen der Gesamtstichprobe wurden jene Personen, die zu einer Frage keine Angabe gemacht haben, nicht berücksichtigt. Der Anteil, der Personen ohne Angabe betrug bei keiner der berichteten Fragen über 1%. Viele der Fragen zu den bildungspolitischen Maßnahmen betreffen die Zustimmung zu verschiedenen Maßnahmen. Um die Ergebnisse übersichtlich darzustellen, werden die Antwortkategorien in den Abbildungen in der Reihenfolge „sehr dafür“, „eher dafür“, „weder dafür noch dagegen“, „eher dagegen“ und „sehr dagegen“ dargestellt. Jedoch war die neutrale Kategorie „weder dafür noch dagegen“ im Fragebogen als letzte Kategorie dargestellt.

Ergebnisse der Befragung

Die Ergebnisse werden im folgenden Diagramm dargestellt. Die schulischen Aktivitäten gingen während Corona erheblich zurück. War vor Corona der Anteil der schulischen Aktivitäten bei 7,4 % ist durch die Krise der Anteil um fast vier Prozentpunkte gesunken und liegt nun bei 3,6%. Dies entspricht genau einem Abfall von 3,8%. In der Kategorie Bewegung, kreative Tätigkeiten und Lesen ist ein Anstieg in allen drei Kategorien Lesen/Vorlesen, Musik und kreatives Gestalten und Bewegung zu verzeichnen, wenn auch gering. Lag der Anteil vor Corona in der Kategorie bei 2,9, liegt der Anteil während Corona bei 3,2%. Es ist also trotz Corona ein Anstieg von 0,3 Prozent zu sehen. Der größte Anstieg ist aber bei der Fernseh-, Handy- und Computernutzung zu betrachten. Lag der Anteil in der Kategorie Fernsehnutzung bei 1,2 ist er durch Corona auf 1,4 angestiegen. Bei Computer- und Handynutzung, bzw. Computer- und Handyspielen ist ein Anstieg von 1,0 auf 1,5 zu verzeichnen. Social Media Nutzung ist ebenfalls um 0,4% angestiegen. Von 0,9 auf 1,3. Insgesamt ist in dieser Kategorie ein Anstieg von 1,3% zu verzeichnen. In Zahlen ausgedrückt bedeutet das: Lag der Anteil in dieser Kategorie bei 4,0 liegt der Wert durch bzw. wegen Corona bei 5,2% (vgl. Wößmann et al. 2021 S.36ff).

(Quelle: Wößmann et al. 2021)

Diskussion

Was zeigen die Ergebnisse? Corona verschärft zusehends die Bildungsungerechtigkeit. Während des Lockdowns gingen die schulischen Aktivitäten zurück, während außerschulische Aktivitäten zunahmen. Computernutzung, Handynutzung und Social Media Nutzung nahmen im Lockdown zu. Wenn dieser Trend so weitergeht, wird sich die Bildungsgerechtigkeit in Deutschland noch weiter verschärfen. Außerschulische Maßnahmen nahmen ab, dies  wird auch dadurch verstärkt, dass Deutschland in Sachen Digitalisierung immer noch hinterherhinkt. Der Online-Unterricht im ersten Lockdown war aufgrund von maroden Schulen, mangelndem qualifiziertem (zumindest im Umgang mit Digitalität) Personal, überforderten Lehrern und einer teilweise maroden Infrastruktur nicht möglich, bzw. nicht optimal umsetzbar. Mit Programmen wie RYL könnte man diese Schüler abholen und einbinden.

Literaturverzeichnis:

Wößmann, Ludger; Freundl, Vera; Grewenig, Elisabeth; Lergetporer, Philipp; Werner. Katharina & Zierow, Larissa (2021): Bildung erneut im Lockdown: Wie verbrachten Schulkinder die Schulschließungen Anfang 2021? In: ifo Schnelldienst 5/2021 74. Jahrgang. Abgerufen von: https://www.ifo.de/DocDL/sd-2021-05-woessmann-etal-corona-schulschliessungen.pdf (01.06.2021)

„Risikogruppe“, in: DWDS – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache, hrsg. v. d. Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Abgerufen von: https://www.dwds.de/wb/Risikogruppe, abgerufen am (01.06.2021)

[1] https://www.dwds.de/wb/Risikogruppe. Zuletzt gesichtet am: 23.05.2021 um 16:51